Eine Patient:in nach Schlaganfall sitzt in der Therapie. Das Ziel ist auf den ersten Blick klar: sicher vom Stuhl aufstehen, einige Schritte zur Küche gehen und mit der betroffenen Hand wieder eine Tasse greifen. Im Team fällt schnell ein vertrauter Satz: „Da machen wir Bobath."
Für viele Physiotherapeut:innen ist Bobath bis heute eng mit der neurologischen Rehabilitation verbunden. Der Begriff steht für klinische Erfahrung, genaue Bewegungsbeobachtung und den Versuch, Bewegung wieder funktioneller und koordinierter zu gestalten. Genau darin liegt aber auch die Schwierigkeit. Sprechen wir über eine konkrete Technik, ein klinisches Denkmodell, eine Fortbildungstradition – oder über ein sehr breites Behandlungskonzept, das je nach Therapeut:in unterschiedlich aussieht?
Diese Unschärfe ist nicht nur akademisch. Sie beeinflusst, wie Therapie geplant, begründet und priorisiert wird. Patient:innen nach Schlaganfall brauchen am Ende nicht primär ein Therapielabel, sondern Interventionen, die sie messbar näher an ihre Alltagsziele bringen: gehen, greifen, aufstehen, Dinge tragen, sich sicherer bewegen und selbstständiger werden.
Die kontrollierte Evidenz stützt eine Vorrangstellung von Bobath gegenüber anderen aktiven Rehabilitationsansätzen bisher nicht überzeugend. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen für untere Extremität, Gehen und Armaktivität keine klare Überlegenheit von Bobath. Für Armaktivität und den Fugl-Meyer Motor Score schneidet aufgabenspezifisches Training, im Englischen task-specific training, günstiger ab; spezifische Kraftmessungen müssen dagegen vorsichtiger interpretiert werden [1], [2]. Ein breiteres systematisches Review stützt dieses Bild domänenübergreifend, liefert aber keine gepoolten Effektgrößen und sollte deshalb vor allem als Kontextquelle verstanden werden [3].
Das heißt aber nicht, dass Bobath „nicht wirkt". Die Aussage ist präziser: Die Evidenz stützt keine Priorisierung von Bobath gegenüber aktiver, repetitiver und aufgabenspezifischer Rehabilitation.
Dieser Artikel fragt deshalb nicht: Bobath ja oder nein? Die bessere Frage lautet: Welche Therapieprinzipien helfen Patient:innen nach Schlaganfall am wahrscheinlichsten dabei, relevante Funktionen wieder aktiv, ausreichend häufig und alltagsnah zu üben? Genau an dieser Stelle wird der Methodenstreit praktisch relevant – für Physiotherapeut:innen, Sportwissenschaftler:innen, Trainer:innen und alle, die Neurorehabilitation nicht über Tradition, sondern über Wirkung, Dosis und klinische Relevanz denken wollen. Drei Fragen strukturieren die folgenden Abschnitte. Ist Bobath anderen aktiven Rehabilitationsansätzen tatsächlich überlegen, oder zeigt die kontrollierte Evidenz ein differenzierteres Bild? Welche Wirkprinzipien sind besser abgesichert, wenn nicht das Therapielabel, sondern Dosis, Aufgabenspezifität und aktives, häufiges Üben im Vordergrund stehen? Und wie lässt sich daraus eine Therapie ableiten, die im Alltag konkret begründbar bleibt und sich an überprüfbaren Funktionszielen wie Gehen, Greifen und Aufstehen orientiert?