J. Martinez-Calderon, J. Matias-Soto, A. Luque-Suarez: ‚My Pain Is Unbearable…I Cannot Recognize Myself!' Emotions, Cognitions, and Behaviors of People Living With Musculoskeletal Disorders: An Umbrella Review. J. Orthop. Sports Phys. Ther., 2022 [1].
Wenn Schmerz den Alltag bestimmt, verändert sich oft nicht nur Bewegung, sondern auch das Gefühl für den eigenen Körper und die eigene Identität. Menschen mit muskuloskelettalen Beschwerden beschreiben ihre Symptome nicht selten als unvorhersehbar, unsichtbar oder kaum kontrollierbar – und genau diese Erfahrung prägt, wie sie denken, fühlen und handeln.
Für Physiotherapeut:innen liegt darin eine klinische Herausforderung: Schmerzintensität und Funktion erklären nur einen Teil dessen, was Patient:innen wirklich belastet. Angst vor Verschlechterung, Verzweiflung, Rückzug, das Verbergen von Symptomen oder der Verlust vertrauter Rollen in Familie, Beruf und sozialem Leben können Therapieentscheidungen, Adhärenz und Selbstwirksamkeit maßgeblich beeinflussen. Gleichzeitig zeigen sich auch aktive Strategien wie Planung, Pacing und das bewusste Aufrechterhalten von Alltag trotz Beschwerden.
Hier wird das biopsychosoziale Modell besonders greifbar. Die qualitative Evidenz öffnet den Blick für Fragen, die im Praxisalltag zu kurz kommen können: Was bedeutet dieser Schmerz für diese Person? Welche Sorgen, Deutungen und Bewältigungsmuster bestimmen ihr Verhalten? Und wie kann physiotherapeutische Behandlung so gestaltet werden, dass sie nicht nur körperliche Funktion adressiert, sondern auch Orientierung, Sicherheit und Handlungsfähigkeit stärkt?