Wissenschaftliche Referenz: A. Sanchez-Alvarado, C. Bokil, M. Cassel und T. Engel, „Effects of conservative treatment strategies for iliotibial band syndrome on pain and function in runners: a systematic review“, Frontiers in Sports and Active Living, Bd. 6, Art. 1386456, 2024, doi: 10.3389/fspor.2024.1386456 [1].
Beim Iliotibialband-Syndrom (ITBS) erhält offenbar jede:r Patient:in eine andere Therapie. Die einen werden mit der Faszienrolle bearbeitet, die anderen trainieren Hüftabduktoren, wieder andere bekommen Laufpause verordnet. Dabei ist ITBS alles andere als selten: Nach dem patellofemoralen Schmerzsyndrom gilt es als zweithäufigste Ursache für Knieschmerzen bei Läufer:innen und macht ungefähr ein Zehntel aller laufbezogenen Verletzungen aus [1]. Eine klare, international etablierte Standardempfehlung lässt sich aus der bisherigen Datenlage trotzdem nicht ableiten [1].
Das Problem fängt schon beim Verständnis der Pathomechanik an. Lange wurde von einer Reibung des Iliotibialbandes über dem lateralen Femurkondylus ausgegangen. Diese Vorstellung ist inzwischen fragwürdig: Aktuellere Arbeiten sprechen eher von einer Kompression der gut innervierten Strukturen unter dem Band [1]-[3]. Wenn das stimmt, ergibt es wenig Sinn, das Band „weichmachen" zu wollen und der therapeutische Fokus verschiebt sich.
In dieser unübersichtlichen Lage haben Sanchez-Alvarado et al. 2024 versucht, Ordnung zu schaffen. Sie haben die Evidenz zur konservativen Behandlung des ITBS bei Läufer:innen systematisch gesichtet, inklusive neuerer Ansätze wie multiplanarem Krafttraining und Gait Retraining [1]. Was lässt sich daraus für die Praxis ziehen und wo wäre Vorsicht angebracht?