Wenn MRT-Befunde, Muskelverhärtungen oder altersentsprechende Veränderungen zu eindeutigen Schmerzursachen erklärt werden, verschiebt sich der Blick innerhalb der Therapie schnell: aus einem belastbaren Körper wird ein reparaturbedürftiges System und aus Unsicherheit eine Diagnose.
Für Physiotherapeut:innen ist genau das klinisch entscheidend. Denn Überdiagnostik beginnt nicht erst bei unnötiger Bildgebung oder invasiven Maßnahmen, sondern oft in der Art, wie Befunde interpretiert, erklärt und therapeutisch übersetzt werden. Patient:innen bringen Erwartungen, Sorgen und vermeintliche Ursachen mit in die Praxis – und jede Formulierung kann beeinflussen, ob Bewegung als Risiko oder als Ressource erlebt wird.
Dieser Artikel nimmt den „Elefanten im Raum“ der muskuloskelettalen Versorgung ernst: too much medicine, medicalizing normality und die Frage, warum harmlose oder unspezifische Befunde so leicht zu behandlungsbedürftigen Problemen werden. Er verbindet klinische Beispiele von Rücken, Schulter, Knie, Hüfte, Hand und Fuß mit einer physiotherapeutischen Perspektive auf Kommunikation, Indikationsstellung und Selbstwirksamkeit. Dabei geht es nicht um weniger Sorgfalt, sondern um präzisere Entscheidungen und einen reflektierten Umgang mit Befunden.